Foto: Pexels / cottonbro studio
„Sucht, Depressionen, Selbstmordgedanken“: Chemsex, also Sex unter Drogeneinfluss, der vor allem von homosexuellen Männern praktiziert wird, kann schwerwiegende psychische Folgen haben, warnt dieser Psychiater. Was als hedonistischer Rausch beginnt, entpuppt sich für zehntausende Männer als gefährliche Falle. In seinem Buch „Des amours chimiques, le fléau du chemsex“ (Chemische Lieben, die Plage des Chemsex) beleuchtet Dr. Jean-Victor Blanc die Abgründe der „erweiterten Sexualität“.
Was ist Chemsex?
Der Begriff „Chemsex“, eine Verschmelzung aus „chemicals“ (Chemikalien) und „Sex“, ist seit den 2000er Jahren fester Bestandteil vieler schwuler Lebensrealitäten geworden. Beim Chemsex geht es darum, das sexuelle Vergnügen und die Ausdauer durch den gezielten Einsatz psychotroper Substanzen zu steigern. Konsumiert werden unter anderem 3-MMC (synthetische Cathinone), GHB / GBL (oft als Liquid Ecstasy oder K.-o.-Tropfen bekannt; GBL ist ein frei verkäufliches Reinigungsmittel, das der Körper zu GHB abbaut) und Ketamin. Da diese harten synthetischen Drogen meist eine stark gefäßverengende Wirkung haben und Erektionen erschweren oder unmöglich machen, greifen Konsumenten zusätzlich häufig auf Potenzmittel wie Viagra zurück, was eine enorme Belastung für das Herz-Kreislauf-System darstellt.
Verbreitung: Ein Drittel kennt's
Die Verbreitung von Chemsex hat in den letzten Jahren rasant zugenommen. Allein in Frankreich schätzt ein Bericht des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2022 die Zahl der Konsumenten auf 100.000 bis 200.000 Menschen, davon primär homosexuelle Männer. Auffällig dabei: Bei 40 Prozent liegt ein problematischer Konsum vor. In Deutschland gaben bei aktuellen Umfragen unter Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), knapp 31 % der Befragten an, bereits Erfahrungen mit Chemsex gemacht zu haben. Dr. Blanc sieht einen klaren Zusammenhang mit der Digitalisierung des Datings. Apps wie Grindr haben den Zugang enorm erleichtert. Sie vermitteln laut dem Psychiater „die Illusion, 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag Partner für einen geolokalisierten Geschlechtsakt überall auf der Welt treffen zu können.“
Folgen: Von HIV bis zum Koma
Die gesundheitlichen und sozialen Risiken von Chemsex sind massiv und vielschichtig: Es besteht ein hohes Risiko für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (STIs). Das gilt besonders beim „Slamming“ (dem Injizieren der Drogen) oder durch enthemmte, ungeschützte Sexualpraktiken. Das akut lebensbedrohlichste Risiko ist aber eine Überdosis durch GHB/GBL, die bis ins Koma führen kann. Laut Dr. Blanc ist dies der häufigste Grund, warum Chemsex-Patienten in der Notaufnahme landen. Psychisch sind der Preis für das künstliche High oft schwere Abstürze, Sucht, tiefe Depressionen, Angststörungen, Wahnvorstellungen und handfeste Selbstmordgedanken. Diese enorme Suchtgefahr führt schleichend zu Isolation, dem Ende von Beziehungen und nicht selten zum Verlust des Arbeitsplatzes.
Offizielle Zahlen der französischen Arzneimittelbehörde (ANSM) erfassten zwischen 2021 und 2024 563 schwere Komplikationen und 15 Todesfälle. Experten wie Blanc gehen von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus. In Deutschland ist GHB/GBL laut Analysen klinischer Notaufnahmen aus dem Jahr 2024 für etwa 11 % aller akuten drogenbedingten Krankenhausbehandlungen verantwortlich. Und in über einem Drittel der Fälle, die eine Intensivbehandlung erfordern, wurde GHB nachgewiesen.
Dunkle Vorgeschichten: Trauma, Mobbing und sexuelle Gewalt
Wer sind die Männer, die sich in diesen Rausch flüchten? Dr. Blanc stellt in seiner Praxis fest, dass Chemsex keine Klassengrenzen kennt. Zu seinen Patienten zählen Sexarbeiter ebenso wie Finanzmanager, Spitzenbeamte und Familienväter. Oft teilen sie aber schmerzhafte Erfahrungen in ihrer Biografie. „30 Prozent von ihnen wurden als Kinder sexuell missbraucht, das ist enorm“, berichtet der Arzt. Hinzu kommen Schwierigkeiten beim Coming-out und Mobbing-Erfahrungen in der Jugend. Queere Männer haben generell ein statistisch höheres Risiko, aufgrund von Diskriminierungserfahrungen an Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen zu erkranken. Der sexualisierte Drogenkonsum ist oft ein Bewältigungsmechanismus, der die Betroffenen paradoxerweise dem Risiko aussetzt, erneut Opfer sexueller Gewalt zu werden. Auch Männer mit Migrationshintergrund, die oft aus Ländern fliehen mussten, in denen Homosexualität bestraft wird, sehen im Chemsex laut Blanc eine „verlockende, hedonistische Lösung“, um Rassismus, Stigmatisierung und religiöse Zwänge für ein paar Stunden auszublenden.
Raus aus der Tabuzone
„Chemsex ist unter Gesundheitsfachkräften zu wenig bekannt“, warnt Blanc. Diese Unwissenheit führt oft zu einer Stigmatisierung der Hilfesuchenden. Auch die Politik wacht langsam auf: Es gibt erste Bestrebungen, Chemsex-Prävention endlich in nationale Strategien zur sexuellen Gesundheit aufzunehmen und in der Ausbildung von Allgemeinmedizinern fest zu verankern.
Brauchst du Hilfe? Wenn du oder jemand, den du kennst, mit Substanzkonsum oder psychischen Problemen kämpft, gibt es anonyme und kostenlose Hilfsangebote. Zögere nicht, lokale Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit, Suchthilfe oder queere Netzwerke zu kontaktieren.
*Quellen: AFP, Uni Augsburg / Projekt SEARCHER