Zwischen Glauben und Freiheit – Benyamin Reichs fotografische Autofiktion „Jerusalem Berlin“ erscheint am 1. Februar.
Mit dem Fotoband „Jerusalem Berlin“ (ISBN: 978-3-96639-147-4) legt Benyamin Reich eine eindringliche fotografische Autofiktion vor, die weit über eine klassische Lebensdokumentation hinausgeht. Es ist die visuelle Erzählung eines radikalen Bruchs: der Weg eines Mannes vom ultraorthodoxen Judentum in Jerusalem hin zu einem selbstbestimmten Leben in Berlin – und zugleich die Geschichte der Befreiung seiner eigenen Sexualität.
Reichs Fotografien sind keine distanzierten Beobachtungen. Sie sind existenziell, körperlich, oft roh. In ihnen spiegelt sich der innere Konflikt zwischen religiöser Prägung und individueller Sehnsucht, zwischen Tradition und Gegenwart. Jerusalem erscheint dabei weniger als konkreter Ort denn als Zustand: als Raum der Enge, der Regeln, der kollektiven Identität. Berlin hingegen steht für Offenheit, Ambivalenz, für die Möglichkeit, sich neu zu erfinden – ohne dabei die eigene Herkunft vollständig hinter sich zu lassen.
„Die Rückkehr des Bildes: In meinem ersten Buch findet sich die Geschichte meines Lebens, verkörpert durch Fotografien der letzten dreißig Jahre. Das Bild, im Laufe der Jahrtausende aus dem jüdischen Bewusstsein verbannt, bringe ich dem Leben zurück. Die Schrift, so lehrt die Kabbala, sei Licht. Immer schon habe ich mit beiden Füßen in beiden Welten gestanden – der Welt des Textes und der Welt des Bildes. Und ich stand dabei zwischen ver- gangenen Zeiten und dem unendlichen Träumen, zwischen Apollo und Dionysos.“ Benyamin Reich
In diesem Verständnis wird Fotografie zur physischen Erfahrung, zu einem Medium, das Nähe verlangt und Verletzbarkeit zulässt. Reich nutzt sie nicht, um zu erklären oder zu rechtfertigen, sondern um sichtbar zu machen, was oft verborgen bleibt: Zweifel, Begehren, Einsamkeit, aber auch Lust und Selbstermächtigung.
Besonders stark ist dabei der Aspekt der Rebellion. Reichs Bilder richten sich nicht polemisch gegen Religion, wohl aber gegen die Strukturen, die individuelle Freiheit unterdrücken. Die Kamera wird zum Instrument des Widerstands, zum Mittel der Selbstbehauptung. „Sie ist mein Bruch mit der Tradition. Sie ist mein Coming-out“, sagt Reich – und formuliert damit ein künstlerisches wie persönliches Credo.
„Jerusalem Berlin“ ist kein abgeschlossener Befreiungsbericht mit klarer Auflösung. Vielmehr bleibt der Fotoband bewusst fragmentarisch, tastend, offen. Gerade darin liegt seine Stärke: Er zeigt, dass Identität kein fixer Zustand ist, sondern ein fortwährender Prozess. Reichs fotografische Autofiktion lädt dazu ein, diesen Prozess mitzuvollziehen – nicht als Voyeur, sondern als mitfühlende*r Zeug*in. secession-verlag.com
