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Marcus Urban ist ehemaliger Fußballspieler, Buchautor und systemischer Coach. Durch sein öffentliches Coming-out 2007 wurde er zu einer bekannten Stimme für Vielfalt und Offenheit im Sport. Seine Erfahrungen verarbeitete er in seiner Biografie „Versteckspieler“ und in „Catching Hate Offside“ – zusammen mit Fußballweltstars, wie Roberto Carlos oder Lilian Thuram. Spanische Journalisten proklamierten ihn als führenden Campaigner im Weltfußball. Heute begleitet er als Executive Coach und Sparringspartner Führungskräfte bei beruflichen und persönlichen Herausforderungen und unterstützt Unternehmen in Leadership-Kontexten, mit Keynotes und Diversity-Veranstaltungen. Dabei verbindet er seine außergewöhnliche Lebensgeschichte mit professioneller Coaching-Arbeit, Klarheit und Humor.
Schwulsein im Fußball, irgendwie geht das immer noch nicht zusammen, oder? Wir haben das bei dem 2024er-Gruppen-Coming-out gesehen, dass der Wunsch vieler Spieler da ist, sich zu outen. Dass sie es dann doch nicht getan haben, war deren Entscheidung. Diese Entwicklung steht also noch an und aus. Aber immerhin sind die Spieler jetzt im Austausch miteinander. Hinter den Kulissen tut sich was, wenn auch sehr langsam. 2011 habe ich im Sportausschuss des Bundestages ein Diversity-Konzept eingebracht. Über die Jahre gab es dann doch Diversity-Konzepte, auch bei den Sportorganisationen. Wenn man sich überlegt: Als ich mich 2007 in den Medien outete, mein privates Coming-out war schon 1994, da war noch die Frage, ob es überhaupt schwule Fußballer gibt. Und wie viele. Diese Frage stellt nun niemand mehr. Die Frage, die heute ansteht, ist, warum ist es immer noch nicht möglich, dass Menschen frei leben und professionell Fußball spielen?
Du hast darüber auch ein Buch geschrieben. Ich war damals einfach neugierig, als die Anfragen kamen, was meine Biografie auslösen würde – mit 37! Das war echt früh, aber ich merkte, dass da Interesse da ist und dass ich etwas bewirken kann. Mir gingen die gesellschaftlichen Veränderungen viel zu langsam. Ich war 2012 Mitglied einer Antidiskriminierungsgruppe beim Deutschen Fußball-Bund und kam zum Schluss, dass man das Thema anders angehen muss. Deswegen haben wir einen Verein gegründet, den Verein für Vielfalt in Sport und Gesellschaft. Auf das Buch haben sich viele Kinder, Jugendliche, Sportler, Menschen aus Wirtschaft, Religion und Politik gemeldet, die sich damit dann beschäftigt haben. Ich wurde zum Experten für Vielfaltsmanagement und Konfliktlösungen und konnte vielen Mut machen, frei zu leben.
Fühlst du dich wohl, als schwuler Aktivist zu gelten? Ja, durchaus. Am Anfang war ich natürlich auch traurig und wütend. Mein sportliches Ziel war schließlich die Bundesliga und die deutsche Nationalmannschaft. Unter den damaligen Bedingungen konnte das für mich nicht funktionieren. Aber aus dieser Erfahrung ist etwas Neues entstanden. Ich durfte für andere Menschen zum Role Model werden. Heute sehe ich darin auch eine besondere Stärke meiner Arbeit als Coach. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, unter großem Druck zu stehen, Erwartungen erfüllen zu müssen und gleichzeitig den eigenen Weg zu finden.
Du arbeitest jetzt als systemischer Coach. Was muss man sich unter Leadership-Arbeit für Führungskräfte vorstellen? Ich begleite Führungskräfte im persönlichen Executive Coaching. Da geht es um Verantwortung, schwierige Entscheidungen, Konflikte, persönliche Entwicklung und manchmal auch um die Einsamkeit an der Spitze. Gerade Menschen in Führungspositionen brauchen einen vertraulichen Raum und jemanden, der unabhängig ist, aufmerksam zuhört, die richtigen Fragen stellt auch unbequeme Themen anspricht oder mal an der richtigen Stelle still sein kann. Ich verstehe mich dabei als Sparringspartner auf Augenhöhe. Ich bin selbst unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen und habe dadurch früh gelernt, Menschen und Situationen sehr genau wahrzunehmen. Diese Sensibilität hilft mir heute in meiner Arbeit. Das Wissen und die Ausbildungen als Profisportler, systemischer Coach, Ingenieur und langjähriger Geschäftsführer sind sehr nützlich, aber meine Lebenserfahrung ist der Schlüssel für das alles Entscheidende: Vertrauen und Lösungen.
Du hast einen Hund. Wie wichtig sind dir Tiere? Sehr wichtig! Ich bin von meinem dritten bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr in einem gewalttätigen Umfeld aufgewachsen. Das war ein Überlebenskampf. In dieser Zeit war ein kleiner Hund für mich da. Er hat mir letztendlich das Leben gerettet. Daher stellt sich für mich auch nicht die Frage, ob ich Tiere essen kann. Würdest du deine Freunde essen?Tiere lösen viele Emotionen aus und machen unseren Alltag lebendiger und lustiger. Meine große Liebe ist Polly, die mich fast überallhin begleitet. Ich liebe aber eigentlich alle Tiere. Und Menschen auch. Die sind schließlich ebenfalls Tiere und eigentlich auch toll – wenn sie nicht immer wieder so viel Mist bauen würden!
*Interview: Michael Rädel
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