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Venedig
Olivia Laings „Buch der Träume“ beginnt dort, wo die Wirklichkeit bereits ihre Konturen verliert: in Venedig, dieser Stadt aus Wasser, Schatten und Projektionen. Zwei Männer begegnen sich, und in ihrer Begegnung liegt von Anfang an mehr als eine Liebesgeschichte.
Da ist ein junger englischer Künstler, mittellos aus London geflohen, auf der Suche nach einem anderen Leben. Und da ist Danilo Donati, der große Magier des italienischen Kinos, Kostüm- und Szenenbildner für Pasolini und Fellini, ein Mann, der Wirklichkeiten nicht einfach abbildet, sondern ihnen eine zweite, traumhafte Haut verleiht.
Was zwischen den beiden geschieht, hat die Unmittelbarkeit einer Verzauberung. Begehren wird zum Reisemittel, die Reise nach Rom zum Eintritt in eine Welt, in der Kunst, Sexualität und Fantasie ununterscheidbar werden. Cinecittà erscheint dabei nicht bloß als Filmstudio, sondern als Gegenwelt: als Ort, an dem Identitäten gewechselt, Körper verwandelt und Wirklichkeiten erfunden werden können. Die Kostüme sind hier keine bloßen Hüllen. Sie erzählen davon, wie leicht der Mensch zu einer anderen Version seiner selbst werden kann.
Olivia Laing schreibt über dieses Milieu mit einer eigentümlichen Mischung aus Zärtlichkeit und Unruhe. Laings Italien ist verführerisch, aber niemals harmlos. Hinter der Oberfläche des Dolce Vita lauert die Geschichte. Die sogenannten Bleiernen Jahre, jene politisch und gesellschaftlich aufgeladenen Jahrzehnte des italienischen Nachkriegs, bilden den dunkler werdenden Resonanzraum des Romans. Während die Protagonisten sich der Ekstase des Lebens, der Arbeit und der Liebe hingeben, verdichtet sich um sie eine Atmosphäre der Bedrohung. Das Private wird politisch, das Spiel mit Illusionen bekommt einen gefährlichen Ernst. Gerade darin liegt eine der großen Stärken dieses Romans: Olivia Laing interessiert sich nicht für den Traum als Flucht aus der Wirklichkeit. Im Gegenteil. Träume legen im „Buch der Träume“ die Wirklichkeit erst frei. Sie zeigen, was sich unter den gesellschaftlichen Fassaden verbirgt – Angst, Einsamkeit, Macht und ein Begehren, das sich nicht domestizieren lassen will.
Danilo Donati wird dabei zur Schlüsselfigur dieser poetischen Welt. Als Künstler des italienischen Kinos steht er für eine Kunst, die das Sichtbare radikal überschreitet. Seine Arbeit für Pasolini und Fellini verweist auf zwei Regisseure, deren Filme selbst immer wieder zwischen Körperlichkeit und Allegorie, Realität und Fantasie oszillieren. Laing macht aus dieser filmischen Tradition jedoch keine kulturhistorische Fußnote. Sie lässt sie in den Roman einsickern. Die Welt beginnt sich zu benehmen wie ein Film: Menschen treten auf, verschwinden, verkleiden sich, spielen Rollen.
Das ist auch die politische Dimension des Buches der nicht-binären Autor*in. Denn Macht zeigt sich nicht nur in Institutionen oder in offener Gewalt. Sie wirkt ebenso durch Blicke, Abhängigkeiten und die Fähigkeit, anderen ihre Rolle zuzuschreiben. Wer jemanden begehrt, macht sich verletzlich. Wer Künstler*in ist, lebt von der Freiheit, Wirklichkeiten zu entwerfen – und ist gerade deshalb gefährdet, wenn eine Gesellschaft diese Freiheit nicht duldet. Da denkt #mensch doch sofort an die AfD und den Trend der rechten Rückbesinnung auf eine verklärte Vergangenheit. So verwandelt sich die anfängliche Leichtigkeit allmählich in ein Labyrinth. Was als Reise zweier Liebender beginnt, wird zu einer Erkundung der Abgründe hinter der schönen Oberfläche. Ein tolles Buch!
Am 4.11. stellt Olivia Laing um 19 Uhr ihr „Buch der Träume“ im Literaturhaus Berlin vor. Moderiert wird der Abend von Dr. Kathleen Reinhardt, Leiterin des Georg Kolbe Museums.
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