Der aktuelle Bericht "State of Reflections Volume 1: Am I Normal?" der Dating-Plattform Feeld, der in Zusammenarbeit mit der Forscherin Dr. Apryl Williams entstand, beleuchtet genau diese Diskrepanz zwischen dem, was uns als normal verkauft wird, und dem, was Menschen tatsächlich begehren. Die Auswertung einer Umfrage mit über 5.700 Teilnehmenden weltweit zeigt, dass die meisten Sehnsüchte weit abseits des Mainstreams existieren und dennoch viel weiter verbreitet sind, als wir oft glauben.
Der Mainstream ist heimlich kinky
Der Begriff „Mainstream“ suggeriert, die Mehrheit abzubilden. Die Daten zeigen allerdings eine gewaltige Diskrepanz zwischen öffentlichem Image und privatem Handeln. Während 36 % der Allgemeinbevölkerung angeben, strikt monogam zu leben (gegenüber nur 20 % bei Feeld-Nutzern), bricht dieses Bild beim Thema Kink völlig in sich zusammen. Überraschende 42 % der Menschen außerhalb der Feeld-Community geben an, Kink zu praktizieren; bei Rollenspielen liegen sie mit 44 % sogar knapp vor den „Profis“ der Plattform (41 %). Dennoch bleibt das Stigma bestehen.
Dr. Apryl Williams ordnet das klar ein: „Nicht-heterosexueller Sex und Kink gelten als Tabu, weil unsere Gesellschaft, die von jahrhundertealten religiösen und politischen Ideologien durchdrungen ist, bestimmten Verhaltensweisen und der Monogamie einen moralischen Wert beimisst.“
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Wer Diskriminierung kennt, urteilt weniger
Die Studie belegt, dass „Normalität“ oft ein Privileg derer ist, die dem Standard entsprechen. 36 % der Männer aus der Allgemeinbevölkerung halten nicht-heterosexuelle Orientierungen für „abnormal“. Bei Frauen auf Feeld liegt dieser Wert bei nur 13 %. Wer aufgrund von Geschlecht, Herkunft oder Identität selbst am Rand steht, entwickelt eine feinere Antenne für soziale Ausgrenzung. Akzeptanz ist ein Muskel, der trainiert werden kann. Mitglieder, die länger als ein Jahr in offenen Communities verbringen, bewerten unkonventionelle Lebensstile um 6 % positiver als Neulinge. Dr. Williams betont, dass die Auseinandersetzung mit dem Fremden die eigene Programmierung löscht: „Sobald wir eine kulturelle Nuance identifiziert haben, ist es viel einfacher, die soziale Programmierung zu diesem Thema zu verlernen.“
Schweigen als Sicherheitsrisiko
Der entscheidende Unterschied liegt in der Kommunikation. Während 97 % der Feeld-Nutzer Gespräche über Grenzen und sexuelle Gesundheit priorisieren, halten das in der Allgemeinbevölkerung nur rund 25 % für „normal“. Nur 23 % der extern Befragten finden es wichtig, explizit über Konsens zu sprechen. Das Problem ist oft, dass uns die Worte fehlen oder uns Steine in den Weg gelegt werden. Viele Mainstream-Dating-Apps nutzen Algorithmen, die einvernehmliche Gespräche über sexuelle Vorlieben fälschlicherweise als Belästigung markieren. Dr. Williams warnt, dass dies besonders Minderheiten trifft und die Sicherheit gefährdet: „Indem sie Gespräche über Kink missverstehen, die von echter Neugier und dem Versuch, Konsens zu erzielen, getragen sind, schaffen Mainstream-Dating-Unternehmen unbeabsichtigt Barrieren, die eine sicherere Erkundung einschränken.“
Wer definiert eigentlich „normal“?
Die wichtigste Botschaft des Berichts: Sie sind wahrscheinlich weitaus weniger allein, als Sie denken. Die Kluft zwischen Feeld-Mitgliedern (72 % empfinden alternative Beziehungen als normal) und der Allgemeinheit (27 %) zeigt, dass „Normalität“ lediglich eine Frage der Perspektive ist. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der Mainstream lediglich das abbildet, was gerade populär ist, und Popularität ist flüchtig. Dr. Williams’ Fazit für jeden Einzelnen ist daher ebenso präzise wie befreiend: „Sind Sie normal? Nein, Sie sind einfach nur Sie.“
*Quelle: Feeld Bericht 'State of Reflections Volume 1: Am I Normal?'