Foto: M. Rädel
Der Herbst ist da. Die Gedanken kommen zur Ruhe, und auch die Melancholie schaut vorbei. Im November rückt zudem das Thema Vergänglichkeit stärker in den Fokus. Der Totensonntag, auch Ewigkeitssonntag genannt, ist ein stiller Gedenktag der evangelischen Kirche und wird am letzten Sonntag des Kirchenjahres gefeiert – zwischen dem 20. und 26. November.
Kurz vor der besinnlichen Adventszeit und der fröhlichen Weihnachtszeit legen viele Menschen eine Pause ein zum Innehalten. Sie erinnern sich an verstorbene Angehörige, denken über das Leben und dessen Endlichkeit nach und finden Raum für Trauer und Erinnerung. Wir haben mit zwei queeren Bestattungsunternehmen gesprochen. Sie erzählen, wie sie Abschiede individuell gestalten, warum Sichtbarkeit und Vielfalt auch im Tod eine Rolle spielen und was sich in der Bestattungskultur verändern sollte.
Wie sieht ein normaler Arbeitstag von dir aus?
George: Sehr bürokratisch einerseits, andererseits sehr emotional. Wir müssen viele Gespräche mit den Hinterbliebenen, welche großen Redebedarf haben, führen. Das Bestatten ist nur der letzte Part, der größte Teil ist: Menschen kennenzulernen und zu begleiten – und die Wünsche der verstorbenen Person zu erfahren.
Ron Dietze: Das Bestatter-Business hat seine festen vorgegebenen Abläufe. Wenn ein Anruf kommt und jemand einen Bestattungsfall hat, dann muss zunächst einmal der Leichnam abgeholt werden. Das ist oft nur ein formaler Vorgang und findet häufig genug unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gerade Menschen, die in Pflegeheimen oder im Krankenhaus sterben, werden oft sehr diskret behandelt, um das Sterben und den Tod nicht sichtbar werden zu lassen. Da werden die Leichname dann auch schon mal in einer Abstellkammer gelagert und dann durch den Hinterausgang hinausgeschoben.
Wir finden, dass das weder der/dem Verstorbenen noch dem Leben gerecht wird, und haben es uns deshalb zum Markenzeichen gemacht, den Abschied und die letzte Fahrt zu einem Event zu machen. Die verstorbene Person wird bei uns mit „Pauken und Trompeten“ verabschiedet, wobei wir die Pauken weglassen, dafür aber die Trompete zum Einsatz kommt, wenn der Sarg das Haus verlässt. Ron spielt dann im oder vor dem Haus ein paar bewegende Lieder auf der Trompete. Alle Fenster gehen auf, die Leute bleiben auf der Straße stehen und lauschen andächtig, während der Sarg in den Bestatterwagen geschoben wird. Der Tod und die Abschiednahme findet hier laut und in der Öffentlichkeit statt und endet in der Regel mit tosendem Applaus aus allen Ecken und Fenstern. Die Hinterbliebenen sind in der Regel natürlich auch dabei und sind jedes Mal begeistert davon. So ein Sterbefall bedeutet dann natürlich auch eine Menge Bürokratie. Dazu kommen die Hinterbliebenen meist in den Laden oder wir besuchen sie zu Hause. Wir nehmen ihnen die Formalitäten, soweit es geht, ab und besprechen dann die Einzelheiten der Bestattung (Bestattungsart: Feuer/Erde/See), Friedhofswahl, Bestattungszeremonie, Blumenschmuck etc. Wenn eine Rede gewünscht ist, dann treffen wir uns noch mal in Ruhe, auf Wunsch auch als Hausbesuch, um über die/den Verstorbene/n zu reden und so viel wie möglich zu erfahren. Das dauert dann meist ein bis zwei Stunden, und dann muss die Rede natürlich auch noch geschrieben werden. Viele Menschen kommen tagsüber auch einfach mal in den Laden, um eine Vorsorge zu machen. Es ist schon gut, sich vorab Gedanken zu machen, wie die eigene Beerdigung aussehen soll, wo und wie man beerdigt werden will und wie die Trauerfeier ablaufen soll. Es gibt Menschen, die vorab sogar schon festlegen, welche Lieder gespielt werden sollen und wie das Grab aussehen soll. Andere wollen einfach nur sichergehen, dass die Hinterbliebenen später nicht zu große Kosten und Mühen haben, wenn sie dann mal gehen. Wichtig ist eine Vorsorge auch, weil man dort festlegen kann, wer die Beerdigung beauftragen und ausführen darf und wer überhaupt dabei sein darf. Wenn das nicht geklärt ist, kann es nämlich passieren, dass die Familie die/den Partner/in von der Beerdigung ausschließt. Überhaupt ist der soziale Aspekt bei diesem Business nicht zu unterschätzen. Beerdigungen sind eine sehr emotionale Angelegenheit, die die Hinterbliebenen oft noch lange beschäftigt. Aus diesem Grund bieten wir einmal im Monat ein gemeinsames Kaffeetrinken im Laden an, wo sich Hinterbliebene und auch Leute, die eine Vorsorge machen wollen und sich deshalb mit diesem Thema beschäftigen, treffen und austauschen. Das wird besonders von Menschen aus der queeren Community gerne angenommen. Einmal im Jahr machen wir sogar gemeinsam einen Ausflug ins Umland. Wer heute ein Geschäft führt, kommt ohne Marketing nicht mehr zurecht. Wer online nicht sichtbar ist, verliert automatisch Marktanteile. Insofern ist ein bedeutender Teil der Arbeit darauf ausgerichtet, das Online-Geschäft zu koordinieren. Dazu haben wir einen eigenen Online-Bestatter-Service geschaffen, www.dergutebestatter-online.de, der sich in erster Linie an diejenigen richtet, die eine kostengünstige Bestattung wünschen. Bislang sind hierüber nur anonyme Bestattungen möglich. Dafür kommen wir aber auch ganz ohne Callcenter aus. Bei uns kann man tatsächlich in einem Schritt eine Bestattung online buchen und auch gleich bezahlen. Die herkömmlichen Online-Bestatter schalten da immer Callcenter-Agenten ein, und bei denen weiß man auch anfangs nicht, wie teuer das am Ende wirklich ist. Bei uns steht am Ende des Buchungsprozesses ein Preis, und so weiß man genau, woran man ist und was man dafür bekommt. Weil die Bestattung dann anonym ist, ermöglichen wir als Ausgleich im digitalen Raum ein wenig Sichtbarkeit nach dem Tod. Dazu haben wir auf unserer Seite schoeneberger-bestattungshaus.de ein Gedenkportal eingerichtet. Dort können Fotos hochgeladen, Kondolenz geschrieben, Erinnerungen geteilt und Beileidsbekundungen gemacht werden. Das ist eine wunderbare Gedenkmöglichkeit, die von Freund/innen dauerhaft und von überall auf der Welt genutzt werden kann. Diese Möglichkeit besteht natürlich auch bei allen anderen Bestattungsarten.
Gibt es denn Unterschiede, wie bestattet werden soll, zwischen queer und hetero?
George: Die Trauer ist überall gleich, da gibt es keine Unterschiede! Sie hinterlässt Ohnmacht. Wie bestattet werden soll, unterscheidet sich kaum, denn Berlin-Brandenburg hat ein einheitliches Bestattungsgesetz. Danach ist man verpflichtet zu bestatten. Und das ist oft das Problem: Wir queeren Menschen denken oft nicht daran, wer mich eigentlich bestatten soll. Wenn ich verheiratet bin, ist es ganz einfach: Der Ehemann, die Ehefrau ist bestattungspflichtig. Außerhalb der queeren Blase sind es dann die Eltern, die Brüder, die Schwestern. Wir queeren Menschen müssen das festlegen, vorab. Sonst greift die eben erwähnte Rechtsfolge. Wir müssen die Rechte schriftlich übertragen. Die Wahlfamilie hat oft keine Rechte, deswegen muss das geregelt werden. Sonst ist womöglich die Familie am Zug, von der man sich mitunter losgesagt hat beim Coming-out. Die queeren Bestattungen unterscheiden sich dann insofern ein wenig, dass queere Bestattungen oft etwas bunter sind und anders mit dem Tod umgegangen wird … Die Trauer ist dieselbe, aber es wird mehr gefeiert. Das können queere Gassenhauer, bunte Urnen oder zusätzlicher Schmuck sein. Und bunte Trauergäste! Was das Ökologische angeht: Mir fällt auf, dass die LGBTIQ*-Community oft an sehr nachhaltige, ökologische Bestattungen denkt.
Ron Dietze: So generell kann man das natürlich nicht sagen. Es fällt allerdings auf, dass queere Grabstätten gerne etwas bunter und expliziter in Bezug auf die verstorbene Person sind, als das sonst der Fall ist.
Endet Sichtbarkeit mit dem Tod? Oder soll, darf das Grab Queerness (bunt) feiern?
George: Das Friedhofsgesetz bestimmt, wie ein Grab auszusehen hat, wie es geschmückt werden darf. Es gibt allerdings auch queere Friedhöfe, wo es fast normal ist, dass queere Symbole zu sehen sind. Das hängt aber eben vom Friedhof ab, der ausgewählt wurde. Die LGBTIQ*-Community nützt häufig andere Wege der Bestattung, etwa Wald- oder Seebestattung, da muss es nicht immer nur der Sarg sein.
Ron Dietze: Queerness endet keinesfalls mit dem Tod. Gräber queerer Menschen sind häufig sehr wohl als solche zu erkennen. Jedenfalls hier in Berlin. Es gibt ja mit dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg auch einen Friedhof, den man in Anbetracht der hohen Anzahl wie auch der Bedeutung der vielen hier bestatteten queeren Persönlichkeiten als DEN schwulen Friedhof Berlins bezeichnen kann. Neben vielen Objekten in Regenbogenfarben finden sich hier auch jede Menge Grabobjekte und Fotos, die auf die individuellen Liebhabereien und Fetische der Verstorbenen hinweisen.
Gab es auch mal ungewöhnliche Wünsche?
Ron Dietze: Ja, zum Beispiel sollte die Trauerfeier ganz in Pink sein. Blumen in Pink, die Trauernden in Pink gekleidet und ich als Bestatter und Redner in einem pinken Maßanzug. Ich habe mich auch schon mal dem Leder-Outfit der Hinterbliebenen angepasst. Auch kommen gern Hinterbliebene oder Trauergäste zur Trauerfeier in Travestie. All das ist für andere Bestatter vielleicht ungewöhnlich, aber für uns nicht wirklich ungewöhnlich – nur etwas Besonderes vielleicht.
Was würdest du dir wünschen?
George: Dass sich das Bestattungsgesetz für Deutschland aus dieser antiquierten Ecke rausbewegt, dass wir offener werden für Bestattungsmöglichkeiten, die es in anderen Ländern bereits gibt. Auch, dass jeder Mensch selbst bestimmen kann, wie er mit seiner Asche, seinem Körper umgehen kann. Und dass queere Menschen besser in diesem Gesetz eingebettet werden. Dass es anerkannt wird, dass es andere Bestattungsbevollmächtigte gibt außer Blutsverwandtschaft oder Angeheiratete.
Ron Dietze: Queere Menschen sind oft freier im Denken und abenteuerlustiger. Oft setzen sie sich auch mehr mit moderneren Bestattungsformen und Abschiedsvarianten auseinander und wünschen diese auch. Denkbar ist: Asche auf einer Wiese verstreuen, Diamant-Bestattung, Asche in einer Urne zu Hause behalten, Reerdigung, Fluss-Bestattung in Berlin, einen Baum mit der Asche in den eigenen Garten, einen Ballon oder eine kleine Rakete mit der Asche in den Himmel schießen und, und, und. Einiges davon ermöglichen wir, aber in Berlin ist das Bestattungsgesetz noch sehr alt und antiquiert. Es wäre schön, wenn das Gesetz in die Moderne gehoben würde und dadurch mehr Möglichkeiten entstehen, tatsächliche Kundenwünsche auch ohne Umwege übers Ausland zu ermöglichen. In anderen Ländern, aber auch in anderen Bundesländern, geht schon viel mehr als in Berlin. Was mir sonst noch wichtig ist: Es ist gerade für einen queeren Menschen wichtig, eine Bestattungsvorsorge abzuschließen, und das sollte er/sie bei einem Bestatter tun, der queer-open ist. Dort können alle Wünsche und Vorstellungen einfließen und mit dem Bestatter abgesprochen werden. Oftmals ist es so, dass die Herkunftsfamilie, wenn keine Vorsorge getroffen ist, die Bestattung ausgestaltet, wie sie das möchte, wahrscheinlich weniger bunt und gar nicht queer. Wir hatten schon, dass der Boyfriend dann zur Trauerfeier gar nicht eingeladen wurde und die Trauerfeier sehr grau und farblos war und dem gelebten Leben des Verstorbenen überhaupt nicht gerecht wurde.
*Interview: Michael Rädel
Ron Dietze: Schöneberger Bestattungshaus, www.schoeneberger-bestattungshaus.de, George: Unter Eichen Bestattungshaus Grünheide, www.bestattungshaus-gruenheide.de
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