Jeden ersten Donnerstag im Monat steht Jonathan im Checkpoint Hein & Fiete für spezielle Peer-Beratung für trans* Personen bereit, die sich zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) testen oder beraten lassen möchten. hinnerk hat nachgefragt. *ck
Foto: Hein & Fiete
Jonathan
Was kannst du als trans* Peer-Berater in einem Testgespräch leisten, das eine nicht-trans* Beratungsperson so nicht kann?
Ich kann ich viele Erfahrungen nicht nur theoretisch verstehen, sondern aus eigener Perspektive nachvollziehen. In Beratungen habe ich schon öfter erlebt, dass die Anspannung von Nutzer*innen deutlich nachgelassen hat, wenn ich mich selber als trans* geoutet habe. Oft hilft es schon von ähnlichen Erfahrungen zu hören und zu merken, dass man mit den eigenen Fragen oder Unsicherheiten nicht alleine ist.
Ich bin überzeugt, dass auch meine cis Kollegen sehr empathisch und kompetent beraten. Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen gemeinsame Erfahrungen einen besonderen Zugang schaffen, manchmal reicht dafür schon das Wissen, dass das Gegenüber diese selbst versteht.
In eurer Mitteilung steht, dass trans* Personen Diskriminierung nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch innerhalb der queeren Community erleben. Woran macht sich das fest – und was muss sich bei schwulen Männern und in schwulen Räumen ändern?
Das zeigt sich beispielsweise daran, dass die Geschlechtsidentität von trans* Menschen infrage gestellt wird, sie mit falschen Pronomen angesprochen werden oder ihnen vermittelt wird sie würden nicht wirklich in bestimmte Community-Angebote oder schwule Räume gehören. Viele schwule / bisexuelle trans* Männer erzählen von Unsicherheiten und ablehnenden Reaktionen beim Dating oder auch beim Zugang zu sexueller Gesundheitsversorgung. Dabei setzen sich viele schwule Männer und queere Einrichtungen bereits aktiv für mehr Offenheit und Inklusion ein. Trotzdem gibt es noch Barrieren, die meist gar nicht aus böser Absicht entstehen, sondern viel mehr aus mangelndem Wissen oder fehlender Erfahrung im Umgang mit trans* Lebensrealitäten. Ich würde mir wünschen, dass insbesondere trans* Männer in schwulen Räumen selbstverständlicher mitgedacht werden. Dazu gehören eine respektvolle Sprache, Offenheit für unterschiedliche Körper und Biografien und zielgruppenspezifische Angebote.
Was ist bei HIV- und STI-Testungen für trans* Personen medizinisch oder beraterisch anders?
Ein Unterschied ist, dass man bei trans* Personen nicht von einem bestimmten Körper oder Anatomie ausgehen kann. Gute Beratung beginnt damit, offen nachzufragen und keine Annahmen zu treffen. Welche Tests sinnvoll sind, richtet sich nach der vorhandenen Anatomie, dem individuellen Sexualverhalten und den möglichen Expositionen, nicht nach der Geschlechtsidentität. Entsprechend ist zum Beispiel ein Vaginalabstrich, ein Rachen- oder Analabstrich oder eine Urinprobe empfohlen wird.
Die Hormontherapie spielt bei der Testung von HIV und STIs meist nur eine untergeordnete Rolle. Sie kann jedoch körperliche Veränderungen mit sich bringen, etwa eine trockenere oder schlechter durchblutete Vaginalschleimhaut unter Testosteron, wodurch das Verletzungs- und damit auch das Infektionsrisiko erhöht sein kann.
Relevant wird die Anatomie außerdem bei der Einnahme der anlassbezogenen PrEP, da die Empfehlungen je nach vorhandenen Genitalien und gegebenenfalls erfolgten geschlechtsangleichenden Operationen unterschiedlich sein können.
Mindestens genauso wichtig wie die medizinische Seite ist die Beratung selbst. Für viele trans* Personen ist der eigene Körper ein sensibles Thema. Deshalb sollte immer transparent erklärt werden, welche Test empfohlen werden und weshalb und gemeinsam besprochen werden, womit sich die Person wohlfühlt. Eine gute Beratung respektiert persönliche Grenzen und schafft einen Raum, in dem sich Menschen sicher und ernstgenommen fühlen.