Ob Popstars wie Billie Eilish und Lil Nas X oder queere Coming-of-Age-Serien im Streaming-Abo: Wer heute aufwächst, erlebt eine Popkultur, in der sexuelle Vielfalt längst zum Alltag gehört. Die Zahlen junger Menschen, die sich als Teil der LGBTIQ*-Community bezeichneten, schienen von Jahr zu Jahr nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Umfragewerte aus den USA zeichnen nun aber aber ein anderes Bild: Sie zeigen einen deutlichen Rückgang bei Highschool-Schüler*innen, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell identifizieren.
Vom stetigen Anstieg zum plötzlichen „freien Fall“
Über Jahre hinweg stiegen die Zahlen von Jugendlichen, die sich in den USA als lesbisch, schwul oder bisexuell (LGB) identifizieren, kontinuierlich an. Eine aktuelle Auswertung der Daten des Youth Risk Behavior Surveillance System (YRBSS) der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) durch die Psychologie-Professorin Jean Twenge (San Diego State University) zeigt nun allerdings eine überraschende Wende. Wie die Washington Post berichtet, hat sich der Anteil der jüngeren Schülerinnen (insbesondere in der 9. Klasse), die sich als LGB identifizieren, seit dem Höchststand im Jahr 2021 nahezu halbiert. Twenge bezeichnete diesen plötzlichen Einbruch gegenüber der Zeitung als „freien Fall“ (free fall).
Wer ist besonders betroffen?
Der Rückgang zeigt sich nicht gleichmäßig über alle Gruppen hinweg, sondern konzentriert sich stark auf eine bestimmte Demografie: Neuntklässlerinnen. Im Jahr 2021 gaben noch etwa 26 bis 30 Prozent der Schülerinnen der 9. Klasse (ca. 14 bis 15 Jahre alt) an, lesbisch oder bisexuell zu sein, der Großteil davon bisexuell. In der jüngsten Datenerhebung sank dieser Wert auf ca. 13 bis 17 Prozent. Ganz anders sieht es bei den männlichen Jugendlichen aus: Hier liegt der Anteil derjenigen, die sich als schwul oder bisexuell identifizieren, über die letzten zehn Jahre hinweg mit Werten zwischen 4 und 7 Prozent weitgehend stabil. Auch älteren Jugendlichen der 12. Klasse ist der Rückgang deutlich schwächer ausgeprägt als bei den jüngeren Highschool-Jahrgängen.
Erklärungsansätze: Trendwende, Methode oder politisches Klima?
Die Ursachen für diesen drastischen statistischen Wandel sind wissenschaftlich bisher nicht eindeutig belegt, dennoch werden verschiedene Hypothesen diskutiert:
Jean Twenge vermutet, dass die Identifikation als bisexuell oder „queer“ während der COVID-19-Pandemie und der damit verbundenen Isolation über soziale Medien wie TikTok für viele Jugendliche eine Form der Gemeinschaftsstiftung war, die nun mit der Rückkehr zum normalen Schulalltag nachlasse. Stimmen aus der Community weisen darauf hin, dass die Welle an anti-LGBTIQ*-Gesetzgebungen in vielen US-Bundesstaaten (wie z. B. Einschränkungen zu Schulbüchern, Drag-Verboten oder „Don't Say Gay“-Gesetzen) sowie das zunehmend feindselige Klima zu einer Verunsicherung geführt haben könnte. Es sei denkbar, dass Jugendliche aus Angst vor Stigmatisierung in anonymen Umfragen vorsichtiger antworten. Statistiker*innen betonen, dass Befragungen von Teenagern zu Identitätsfragen generell Schwankungen unterliegen und Selbstbezeichnungen im Jugendalter dynamisch sein können.
*Quellen: The Washington Post: Number of teens who identify as gay or bisexual in 'free fall' (Veröffentlicht am 8. Oktober 2026), CDC / YRBSS: Youth Risk Behavior Surveillance System Data & Reports (Centers for Disease Control and Prevention), Analyse: Prof. Jean Twenge, San Diego State University