Foto: Magnific / CC0
Heute ist der 11. Oktober, der Internationale Coming-out-Tag. Es gibt Sätze, die nur aus wenigen Worten bestehen und doch ein ganzes Leben verändern können. „Ich bin schwul.“ „Ich bin lesbisch.“ „Ich bin trans.“ „Ich habe mich verliebt.“
Doch ein Coming-out ist selten nur ein Satz. Es ist ein Prozess, ein Schritt aus dem Inneren nach außen – und manchmal einer der schwierigsten Schritte, die ein Mensch gehen kann. Denn während sich für die einen mit diesem Satz vor allem Erleichterung verbindet, beginnt für andere erst einmal die Ungewissheit: Wie werden die Eltern reagieren? Die Freunde? Die Kolleginnen und Kollegen? Wird sich etwas verändern? Und wenn ja: Was?
Als ich 17 war, passierte in den 1990er-Jahren nach meinem Coming-out als schwuler Teenager Folgendes: Die Jungs aus meiner Abi-Stufe am Bodensee wollten sich plötzlich nicht mehr mit mir die Sportumkleide teilen. Ich war ihnen auf einmal unangenehm. Nicht, weil ich mich anders verhielt, sondern nur, weil ich nun in einer anderen Schublade steckte. Trotzdem lebte ich fortan freier. Meine Familie und Freund*innen hatten ohnehin kein Problem mit mir.
Ein Coming-out kann befreiend sein. Endlich nicht mehr überlegen zu müssen, welche Geschichten #mensch erzählt und welche #mensch verschweigt. Doch die romantische Vorstellung vom befreienden Augenblick hat eine Schattenseite. Nicht jedes Coming-out ist ein Fest. Für manche ist es ein Sprung ins Ungewisse. Manche fürchten Ablehnung, Ausgrenzung oder Gewalt. Andere wissen schlicht nicht, ob ihnen geglaubt, ob ihre Identität respektiert oder ob ihre Beziehung akzeptiert werden wird. Deshalb ist der 11. Oktober nicht nur ein Tag für diejenigen, die sich geoutet haben. Er ist auch ein Tag für diejenigen, die es noch nicht können oder noch nicht wollen. Denn niemand sollte sich outen müssen, um als authentischer Mensch zu gelten. Das ist vielleicht die wichtigste Unterscheidung: Ein Coming-out kann ein Akt der Selbstbestimmung sein. Es darf aber niemals zur Pflicht werden. Nicht jeder Mensch hat dieselben Voraussetzungen. Nicht jeder lebt in einem Umfeld, in dem Offenheit selbstverständlich ist. Der Coming-out-Tag fordert nicht, dass alle alles von sich erzählen. Er erinnert vielmehr daran, dass niemand sich für seine Identität rechtfertigen sollte.
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